Angel
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Die Dame von der Bushaltestelle...

Untertitel: Der ewige Kreislauf der Schlagfertigkeit.

Gestern morgen ging ich mit meinem Hund spazieren. Unser Ziel war die Wohnung meiner Großmutter, in der es immer so herrlich nach frischem Kaffee und frischer Wäsche duftet. Zwar hat das eine selten etwas mit dem anderen zu tun (außer: SCHEIßE, die Flecken gehen nie wieder raus!), aber beide Düfte rieche ich unheimlich gerne.
Frohen Mutes bog ich also um die Ecke zur Hauptstraße, auf der schon drei andere Hunde unterwegs waren. Wie gewohnt begann Winja eine lautstarke Diskussion um den local respect des Wohngebiets. Zur Verdeutlichung untermalte sie ihre Argumentation mit einem kraftvollen Hüpftanz und einer Straffung der Leine. Einen kurzen Ruck durch meinen erstaunten Körper später hatte ich mein Hündchen auch schon wieder unter Kontrolle. Ich wollte mich nicht aufregen, immerhin würde es in wenigen Minuten ein leckeres Heißgetränk geben, also ermahnte ich Winja entschlossen zur Ruhe und ging konsequent meines Weges. An der Bushaltestelle standen einige gelangweilte Mitbürger, die stoisch in Richtung des hoffentlich bald herannahenden Busses blickten und gelegentlich das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagerten.
Ich war schon fast durch die Engstelle der Bushaltestelle hindurch, als eine etwas quiekende Stimme mein kaffeeerwartendes Bewusstsein erreichte: "Sie wissen aber schon, dass sie ihren Hund quälen, oder?"
Verwundert blieb ich stehen und schaute, ob ich denn wirklich gemeint sei. Die Stimme war nah genug, dass sie an mich gerichtet sein könnte, aber der Inhalt erschien mir doch absurd. Beim Umsehen entdeckte ich eine typische Bushaltestellen-Herumlungerin, dicke Wollmütze mit Bommel auf dem Kopf, kritisch zusammengekniffene Augen, die kleinen Fäustchen mit Sicherheit in den Jackentaschen geballt.
Zögernd blieb ich stehen und entgegnete: "Wie meinen?"
"Das Schnauzenband... sie quälen ihren Hund damit."
"Äh... das Gentle Leader? Öh.. darüber gehen die Meinungen dann aber auseinander..."
Betont erläuterte Fräulein Weltwissen: "Ich arbeite im Tierheim, ich kenn mich damit aus."
In meinem Gehirn formte sich der Satz: "Ich hab schonmal beim Bäcker gearbeitet und kann trotzdem keine Mohnschnecke backen.."
Mein Mund räusperte sich und entgegnete: "Ich finde den Gentle Leader prima, so kann ich meinen Hund überall hin mitnehmen."
"Aber sie quälen ihn damit!"


Kurzer Blick auf den Hund: Winja steht mit allen vier Pfoten fest auf dem Asphalt verankert vor mir, lehnt sich leicht mit ihren 35 kg gegen meine Kniescheiben, Rute aufrecht, Kopf in Richtung der drei Hunde, Ohren gespitzt, Körperhaltung entspannt, die Zunge locker aus dem Mundwinkel gehängt."


"So gequält sieht sie aber gar nicht aus"
"Das meinen sie nur, aber das ist höchst unnatürlich einen Hund an der Schnauze zu führen."
"Naja, aber wenn sie einen anderen Hund sieht, dann rastet sie aus und ohne das Ding könnte ich sie nicht so einfach überall hin mitnehmen."
"Ja, sie müssten halt mal mit ihrem Hund in die Hundeschule."
Kopf: "Was meinen sie, wo ich das Ding herhab?"
Mund: "Waren wir doch..."
Penetrante Tierschützerin: "Und wieso hat es nichts genützt?"
Mund: "Also hören sie mal...."


Unterbrochen wird die Konversation, als die drei Hunde vom ausgiebigen Spaziergang zurück in die Hauptstraße biegen. Mein entspannter Hund schnellt nach vorne und bricht in eine bellende Hasstirade wider den Artenschutz aus und wirft seinen Körper den drei Eindringlingen entgegen. Ein kurzer Ruck durch meinen erstaunten Körper und ich bekomme meinen Hund wieder unter Kontrolle... aus dem Bushaltestellenhäuschen dringt ein nervenerschütterndes "Siiiiiiiiiiiitz". In diesem Moment wissen weder mein Hund, noch ich etwas damit anzufangen. Wir beide schauen einen Augenblick desorientiert zu der vermeintlichen Tierschützerin, bevor Winja entscheidet, dass diese Frau es nicht wert ist, sich vom eigentlichen Auftrag des Feind-Anbellens ablenken zu lassen.
Winja bellt und tobt, Ruka setzt ihre Kontrolle durch und wiederrum wird die Szenerie durchbrochen von einem langgezogenen, vermeintlich-autoritären "Siiiiiiiiiitz"
Winja hat entschieden, dass sie mit dieser Aussage nichts anfangen kann, Ruka denkt sich etwas in der Richtung: ")(§/)$&%7zsft78(/&$Peacebloom..."
Die drei Hunde verschwinden in einem Hauseingang, ein letztes Mal ertönt das durchdringende "Siiiiiiitz" und schon kehrt wieder Stille ein...


Winja ist enttäuscht über das Verschwinden ihrer Beschäftigungsmöglichkeit und versucht etwas gegen das Gentle Leader zu unternehmen, was sie von der Beendigung ihres Killerauftrags abgehalten hat.


"Sehen Sie? Das gefällt ihm gar nicht, das Schnauzenband..."


Entnervt erwiedere ich: "Natürlich gefällt ihr das nicht, sie will ja auch die drei Hunde zerfleischen."
"Das wissen Sie doch gar nicht."


Überrascht blicke ich zu ihr auf... mein Kopf formt den Gedanken: "Aber Sie wissen das? Wollen Sie es ausprobieren?"


Mein Mund entscheidet sich für: "Ich finde das Gentle Leader gut, es hilft mir den Hund unter Kontrolle zu halten, auch wenn andere Hunde kommen."
"Ich will sie ja nicht kritisieren, aber ihr Hund kennt ja keinerlei Gehorsam."
Kopf: "Nicht böse gemeint, aber Sie kennen ja keinerlei soziale Kompetenz."
Mund: "Also jetzt übertreiben Sie aber..."
Hundeflüsterin: "Also ich finde Sie können mit dem Hund nicht umgehen."


Statt ihr zu sagen, was ich ab diesem Moment von ihr denke, gebe ich meinem Hund den Fuß-Befehl, den er durchaus kennt und wende mich wieder relevanten Dingen des Lebens zu... irgendwo wartet ja noch Kaffee auf mich.
Jegliche weiteren Versuche mich als Tierquälerin abzustempeln, kommentiere ich mit ausdrücklichen "Jaja"s und "Klar"s, während mein Gewissen meine Gedanken zensiert und mit *piiiiiep*s unterlegt.


Fazit: Gleich zu Beginn hätte ich dem Gespräch einen grundlegend anderen Sinn geben können, wenn ich schon nach dem ersten "Sie quälen ihren Hund" entgegnet hätte: "Und sie meine Ohren".
Oder auf ihr Argument: "Ich arbeite im Tierheim, ich kenne mich da aus." : "Als Putzfrau weiß man noch lange nix von Hundeerziehung." oder oder oder... aber nein, ich habe mich mal wieder auf unsinnige Diskussionen eingelassen, die mir bestimmt zehn Minuten meines Lebens geraubt haben.
Aber ich habe mir fest vorgenommen, wenn ich sie nochmal sehe, gleich einzuschreiten und zu sagen: "Wenn sie sich in der Zeit bis der Bus kommt unbedingt beschäftigen wollen, dann nehmen sie sich ein Buch mit." noch bevor sie ihre quietschend-krakeligen Schallwellen in Richtung meines Gehörganges aussenden kann!
Schlagfertigkeit muss sofort kommen, nicht erst zwei Tage später!
10.2.11 22:42
 
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