Angel
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Brainfuck

Immanuel Kant. Einer der ganz großen Namen, die einem schon in der Wiege als bildungsrelevant eingeflüstert werden. Statt der Oma fliegen mit den Kellogs Wissenschaftler in den noch fröhlichen Kindermund.

"Ein Löffelchen für die Mama.... *brumm* Eeeeein Löffelchen für den Papa... *brruuuumm* Eeeeiiin Löffelchen für den Onkel Kant... *bruuummm* Eeeeein Löffelchen für Pytagoras *brummbrumm*"

Und heute fahren die großen Namen nicht mehr in Form von Nahrung in den Kopf, sondern als verdichtete und geballte Informationsbündel. Wie diese Getreidetaschen, die man inzwischen zum Frühstück bekommt. Keine popligen Flocken mehr, sondern ganze Taschen mit einer lecker-süßen Schokofüllung. Von außen sieht alles gesund aus, Vollkorngetreide mit einem Hauch Puderzucker, aber im Inneren liegt die ganze Versuchung, von der man, genießt man sie in zu hohem Maße, dick, krank und träge wird. Vergleichbar mit der gängigen Methode, die Eltern davon zu überzeugen, dass man relevante Lektüre liest, obwohl sich hinter dem Arithmetik-Umschlag ein Donald-Duck-Comic verbirgt.
Nun haben wir also unsere gesunde Vollkornhülle in Form von Kants Kritik an der reinen Vernunft. Voller Erwartung schieben wir uns das schmackhafte Päckchen in den Mund, gespannt auf die Geheimnisse, die es in sich verbergen mag.
Doch kaum hat man das gesundheitsfördernde Hüllenpäckchen mit scharfen Zähnen durchtrennt, ahnt man, dass man auf einen Weg getreten ist, von dem es keine Wiederkehr gibt. Jetzt kann man nicht zurück, man kann nur entscheiden, ob man lieber anhält oder sich traut noch ein wenig weiterzuwandern. Ausspucken oder kauen? Die Schokolade fließt auf die Zunge, regt die Geschmacksnerven an und verspricht ein unsagbares Vergnügen, einen Genuss, von dem man regelrecht spüren kann, wie er in den Organismus gelangt, die Energien antreibt, und gleichzeitig die gefährliche Produktion von Fett fördert, das sich überall niederlässt, die Gefäße verstopft und schlussendlich alles zum Einhalten gebietet. Doch trotz des Bewusstseins dieser Gefahr, schiebt man jegliche Vernunft zur Seite und geht einen weiteren Schritt, ein weiterer Biss, mehr Schokolade fließt in den Mund, mehr Thesen sickern ins Gehirn und verankern sich in den Windungen, krallen sich mit schmerzhaft nadelartigen Krallen fest und nagen sich ins Zentrum des Bewusstseins. Einmal dort angekommen, jubilieren sie lautstark, entkorken Tonnen an Adrenalinflaschen, die sie ungehemmt in den Organismus schütten, auf dass ein Schauder durch den Körper geht. Mit der Erkenntnis kommt Pleasure. Die Schokolade des Geistes ist in den Kreislauf gekommen, in Form kleiner Botenstoffe, die sich vom Denken auf den Körper übertragen und alles mitreißen, was sich finden lässt.
Härchen stellen sich auf, Gänsehaut bildet sich an den Armen, der Schweiß des Begreifens dringt aus den Poren, das große Zittern beginnt, denn man weiß, dass man den Schritt über den Abgrund gewagt hat. Wie in einem Comic steht man nun über dem Abgrund, unsicher, ob man von der Schwerkraft ins zerstörende Nichts gerissen wird, oder ob man es schafft eine sichere Brücke unter den schwebenden Füßen zu bauen, die einen sicher auf festen Boden zurückträgt.
Die Versuchung des Geistes, nicht minder gefährlich, als die Versuchung des Körpers. Nicht weniger infektiös als eine der verbreiteten Krankheiten, die den Körper langsam ausmergeln, gegen sich selbst wenden und langsam dem Zwielicht des Todes übereignen. Ein kleiner Schritt liegt zwischen Erkenntnis und Wahnsinn, Brücke und Absturz, Sicherheit und Gefahr.
Ich bin ein Rebell, der sich wagt, Grenzen zu überschreiten, aus der Geborgenheit des stumpfen Wissens auszubrechen, um sich über die Welt zu erheben und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, nur um dann wieder abzustürzen und zu erkennen, dass man nur geträumt hat, den eigenen Geist nie verlassen hat, da man in ihm eingekerkert dahinvegetiert. Wie ein Vogel in einem Käfig, die Freiheit erahnend, das Werkzeug an sich tragend und doch unfähig sich in die Lüfte zu erheben, da die Stangen ihn binden. Ab und an erhascht er einen Blick auf die Straße hinter den Gittern, hinter dem Glasfenster, auf eine Welt, die so viel mehr bietet als das Innere, an dass er gebunden ist. Dann erhebt sich ein Singen und Jubilieren, ein Freuen, ein Jubelschrei an den Garten Eden, der sich in all seiner Pracht darbieten möchte, der bereit ist, sich zu zeigen und den kleinen Vogel in sich aufzunehmen.
"Komm Vogel, komm, ich bin bereit für Dich. Ich erwarte Dich. Ich biete Dir mich und Dich und noch viel mehr. Komm!" lockt er.
Und dann wird der Vorhang wieder zugezogen, Das Singen verstummt, das Köpfchen neigt sich in der Erkenntnis des Verlorenen dem Käfigboden entgegen. Ergeben faltet es die erwartungsvoll geweiteten Schwingen wieder an den Rücken und hüpft ungelenk an den Wassernapf, um die angestrengte Kehle zu befeuchten.
Die Schokolade ist aus dem Päckchen geflossen, das Getreide zersetzt, alles geschluckt und nichts bleibt, als ein fahler Nachgeschmack von der Chemie, die einem vorkaukelte, man habe die Süße der Schokolade gekostet.
Nichts bleibt, außer dem Wissen, dass man für einen Augenblick der unbändigen Freude ein großes Risiko auf sich genommen, dem Körper schadet und der Vernunft gespottet hat.
Angewidert schiebe ich mein Frühstück von mir, bereit nun zum Vollkornbrot mit Käse zu greifen. Light natürlich, keine Butter.
4.7.11 15:12
 
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