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Die Nacht der skurrilen Begegnungen

Freitag Nacht... durchorganisiert bis zur letzten Sekunde. Ein Abend vollgestopft mit tollen Erlebnissen, so eng aufeinanderfolgend, dass keine Zeit bleibt für irgendwelche Unannehmlichkeiten... oder doch?

20:00 Uhr - wir beginnen mit einer Vorführung des Stückes "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt. Der Kerl ist toll, das Stück auch, ich freu mir einen Wolf ans Bein. Im Theater angekommen treffen wir zunächst auf Leute, die ich aus meinem Stamm-Club kenne... das ist in der Tat schon skurril, denn damit hätte ich tatsächlich nicht gerechnet. Naja, egal, ab auf die kuscheligen Theatersitze, bequem machen, Handy aus und abwarten.
Das Stück beginnt, die alte Dame ist der Hammer... besser hätte man die Schauspielerin nicht wählen können... aber wo sind die grotesken Elemente? Wo sind die zwei kastrierten Falsch-Aussage-Zeugen... die Verfremdung im Konradsweiler Wald... die Fließband-abgekasperten Ehemänner? Man hat es geschafft aus dem Stück alles groteske herauszukürzen, so dass ein klappriges Skelett aus Handlung und Interpretationsmöglichkeiten übrig bleibt. Und es klappert in der Tat, denn Fleisch hat es nicht mehr auf den Rippen, der Geschmacksträger Fett ist wegreduziert worden, im Zeitalter des Schönheitsideals gibt es nicht nur Quark und Pudding, sondern auch Theaterstücke LIGHT!
Ich kriege Kopfschmerzen, vor meinen Augen flimmert alles... bitte nicht jetzt Migräne, bitte nicht!

Die Kopfschmerzen gehen nicht weg, das Augenflimmern schon... nach dem Theater hetzen wir zum Auto, fahren nach Hause und ich werf mich in die mittelalterlich angehauchten Ausgehklamotten. In Taberna wartet auf mich, ein Abend voller Spaß, Met, Tanz und Mittelalter-Folk-Rock. Noch eine halbe Ibuprofen, um das Hämmern einzudämmen und los! Die Druckkammer ist voll, ich begrüße mich durch die Reihen nach unten, wo ich kreischend der nächsten Bekannten in die Arme falle. Während ich ihr beim Umarmen über die Schulter schaue, sehe ich direkt mir gegenüber einen meiner Philosophie-Dozenten und erstarre zu einer Salzsäule.... Oh Gott! Wie peinlich, was macht er denn hier? Wie seh ich aus? Bin ich ordentlich angezogen? Schminke nicht übertrieben? Keinen Alkohol in der Hand?
Ich überlege kurz und komme zu dem Schluss: Nicht nur ich bin hier, sondern auch er. Wir sitzen quasi im selben Boot. Okay, er ist ordentlich gekleidet, hat nicht mit der Schminke übertrieben und ob er Alkohol getrunken hat kann ich nicht erkennen. Also brav guten Tag sagen und in der Masse der Tanzwütigen verschwinden.
Bald folgt:

Skurrile Begegnung Nummer 1:

Will und ich gehen spazieren, in der DK ist es heiß und laut, wir wollen uns unterhalten, also ab ans Moselufer. Auf dem Rückweg hält ein Wagen neben uns. Aha, verlorene Touris, wir helfen gerne, kein Problem. Der Wagen hält an, das Mädel auf dem Beifahrersitz winkt uns, wir wundern uns. Vorsichtig winke ich zurück, warte aber eigentlich darauf, dass die Scheibe heruntergelassen wird. Wird sie aber nicht. Unerwartet gibt der Fahrer Gas und lässt uns im nicht rieselnden Regen stehen. Jetzt sind wir die verlorenen... wenn auch nicht Touris.

Na, nichts dabei denken, weitergehen. Die Nacht wird noch sehr spaßig, der Morgen graut und die Feiernden bekommen pünktlich wie die Maurer Lust auf einen McDonalds-Burger. Will, Tom und ich entschließen uns zu Fuß zum Bahnhof zu gehen. Ein bisschen frische Luft und Bewegung tun ganz gut nach mehreren Stunden Tanzen auf hohen Schuhen... moment mal, jetzt weiß ich auch wo die Blasen herkommen!
Es naht:

Skurrile Begegnung Nummer 2:

Eine Punk-Goth-Emo-Dame stürzt in einer Gasse auf uns zu und blubbert hektisch die Frage heraus: "Kommt ihr aus der DK?" Wir bejahend und warten auf einen Folgesatz. Es kommt keiner... wir sind verwirrt. Wir hätten einen erwartet. Wir wollten einen Folgesatz, wir haben ein Recht auf ihn. Man kann doch nicht einfach Fragen stellen und dann gehen, wenn man die Antwort hat?! Das geht doch nicht!

Etwas desorientiert wandern wir weiter, unterhalten uns über die vergangene Party, machen Witze und lachen. Hinter uns brüllt es und wir erleben:

Skurrile Begegnung Nummer 3:

Typ: "Ey, habt ihr mal eine Zigarette?"
Wir: "Hm, nee, wir rauchen alle nicht."
Typ: "Ah, okay, ich hab ja eigentlich auch aufgehört."
Wir: "Das ist sehr löblich, und auch viel gesünder."
Typ: "Hab deswegen sechs Kilo zu- und zwei wieder abgenommen."
Wir: "Aha, aha."
Typ: "Aber jetzt gib mir doch mal eine Zigarette."
Wir: "Äh, wir rauchen immer noch nicht... als Nichtraucher hat man keine Zigaretten."
Typ: "Achso, na, ihr seid ja locker drauf. Kann ich mit euch zum Bahnhof gehen?"
Wir: "Klar, warum nicht?"

Der Typ kommt mir immer näher, ich versuche den Abstand beizubehalten indem ich nach links ausweiche, dummerweise kratzt mein linker Arm schon an den Schaufenstern.

Typ: "Ich will ja nicht rüberkommen wie ein Junky, aber wollt ihr ein bisschen LSD?"

...

Ruka macht einen Satz an Williams Seite, hakt sich bei ihm unter und raunt ihm ins Ohr: "Hilfe!"
Tom macht den Mund auf, grübelt kurz und schließt ihn wieder.
William sieht Ruka mit einem undeutbaren Blick an.

Typ: "Nee, kein Problem... also eigentlich bin ich ja auch total erkältet."
Wir: "Vielleicht solltest du dann lieber ins Bett gehen?"
Typ: "Nee, nach zwei Nasen merkt man das nicht mehr."
Wir (vorsichtig): "Nasen?"
Typ: "Ja, ich hab mir zwei Nasen und ein Ding reingezogen."
Ruka: "Aber gut, dass du mit dem Rauchen aufgehört hast."

In diesem Moment kommen wir am Bahnhof an, Adrian ist mit dem Auto auch soeben erschienen, ich zerre an William und werfe dem Typen einen bösen Blick zu: "Wir müssen jetzt los, unsere Freunde sind da."

Im McDonalds war es gewohnt eklig. Nachdem Tom ein wirklich widerliches schwarzes Drahthaar in seinem Burger gefunden hat und kurze Zeit später in meinem auch eins auftauchte, wollte ich nur noch eins: Nach Hause. Also schleppte ich Andy und Tom nach draußen, wir haben den gleichen Heimweg, also los.

Gleicher Weg zurück, an der Kreuzung, wer hätte das geahnt:

Skurrile Begegnung Nummer 4:

Ein Mann mittleren Alters, nicht ganz heruntergekommen, aber auch nicht ganz gepflegt, schiebt einen Einkaufswagen mit Plastiktüten durch die Gassen. Als er uns sieht, stellt er sich in unseren Weg und fragt:
"Wollt ihr einem etwas seltsamen Typen eine Zeitung abkaufen?"
Ich rolle mit den Augen, endet diese Nacht denn nie? Andy bleibt stehen, er hat ein gutes Herz und fragt, welche Zeitungen zur Verfügung stehen.
Der Zeitungsverkäufer zieht einen Schlüsselanhängerhasen aus der Hosentasche, hält ihn in Augenhöhe und verkündet:
"Das hier ist Frau Mona, Frau Mona wird euch erzählen, was wir haben."
In gleicher Männerstimme lässt er nun Frau Mona reden. Ich überlege, ob der arme Hase vielleicht eine Hormontherapie machen sollte oder ob es sich vielleicht um einen Hermaphrohasen handeln könnte.
"Also wir haben hier diese Zeitung *hält einen Kölner Stadtanzeiger hoch* und würden sie euch für 3,50 Euro verkaufen."
Ruka: "Das ist eine Zeitung aus Köln, aber wir sind hier in Koblenz..."
Mona: "Ja, da stehen auch Sachen aus Koblenz drin."
Andy: "Drei Euro fünfzig ist aber ein bisschen teuer."
Der Hase wird vor die Zeitung gehalten.
Mona: "Also, weil Mona gerade gesehen hat, dass die Zeitung von September ist, machen wir 2,50 draus."
Ruka: "Du willst uns einen Kölner Stadtanzeiger für 2,50 verkaufen, der schon abgelaufen ist?"
Mona: "Na, na, der September geht ja noch eine Weile."

Andy handelt den Mann runter auf 1,50. Das ist ein akzeptabler Preis, allerdings hätte ich den auch bereitwillig gezahlt, damit er seine Zeitung behält und wir weiterlaufen können. Naja, das ist eben der Unterschied zwischen Andy und mir. Er hat ein gutes Herz, ich hab kalte Füße.

Die beiden machen noch einige Wortwitze, bevor Ruka unwillig dazwischenruft: "Ich will nach Hause!"

Sofort werden alle Gespräche abgebrochen und wir gehen weiter. Ein bisschen verwundert bin ich schon, dass das so einfach funktioniert hat.

Genau fünf Schritte weiter wartet:

Skurrile Begegnung Nummer 5!

Typ: "Ey Tschuldigung....." *wird unterbrochen von Ruka*
Ruka: "Nein, wir haben KEINE Zigaretten. Und wir wollen auch kein LSD kaufen. Deine Zeitung kannst du dir an den Hut stecken und wenn du irgendwas von einem Hasen erwähnst, dann geh ich an die Decke!"
Typ: "LSD? Um Gottes Willen...."

Der Rest geht unter, denn ich hetze weiter. Ich bin müde, mir ist kalt, ich will nach Hause. Mir sind wirklich zu viele seltsame Menschen unterwegs, die so tun als wären sie normal und sich dann als skurrile Begegnung entpuppen.

Zu Hause angekommen, verschnaufe ich und bin froh, dass nur bekannte Gesichter zu sehen sind. Eigentlich sind gar keine Gesichter zu sehen, denn es ist viertel nach sieben und alles schläft friedlich.
Die einzige Begegnung, die ich hier noch zu erwarten habe, ist die zwischen meinem Kopf und dem weichen Kissen, das weder redet, noch raucht.
26.9.11 12:17
 
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