Angel
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Die Brücke der gescholtenen Ehemänner

Von unserem Küchenfenster aus kann man direkt auf die Brücke schauen, die über die Mosel in die Innenstadt führt. Meistens sieht man dort nichts interessantes. Vorbeifahrende Autos, ab und an Spaziergänger, gelbe und blaue Alarmlichter, Motorräder und LKW's. Nichts besonderes, der alltägliche Wahnsinn.
Es macht Spaß gedankenverloren aus dem Fenster zu sehen, weil sich die Gedanken im eintönigen Bild so leicht verlieren können. Man läuft auch selten Gefahr etwas spannendes zu verpassen, denn es geschieht nichts. Ein Arzt-Wartezimmer direkt vor dem Fenster. Im Wartezimmer kann man sich müßig eine Zeitschrift mit dem neusten Klatsch und Tratsch ansehen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, denn man hat nichts besseres zu tun. Während dem Kochen aus dem Fenster auf die Brücke zu sehen ist genauso. Man muss sowieso warten bis das Nudelwasser kocht, es lohnt sich nicht, etwas anderes anzufangen, man hat aber auch ein paar Minuten, die der Topf ohne eine eingehende Beobachtung auskommt.
Heute bot sich ein graues Nieselregen-Bild mit wenig Verkehr. Keine Sirenen, keine Blaulichter in blau oder gelb, keine LKW's. Eine Sonntagsbrücke im Halbschlaf. Doch was ist das?
Ein einsamer Mann hat sich in seine Übergangsjacke gewickelt, den Kragen hochgestellt und den Schal bis unter die Nase übers Kinn geschoben. Er joggt in langsam-unwilligen Schritten über den farbwetter-angepassten Beton, den Blick niedergeschlagen zu Boden gerichtet. Sein Blick wie auch das Wetter - Niederschlagend. Ich frage mich, wieso er überhaupt bei dieser Stimmung aus dem Haus gegangen ist. Gewohnheit? Spaß? Hobby? Welche Gründe könnte es haben, dass ein erwachsener, gestandener Mann sich zum Herbstbeginn vor die Tür zwingt.
Nach einem Augenblinzeln kann ich es plötzlich sehen. Zuerst lässt es sich nur wage erkennen, nichts als ein feiner Schemen, der sich schimmernd von seiner Umwelt abhebt. Doch je genauer ich hinsehe, desto deutlicher wird er. Ich kann den Umriss einer Frau erkennen. Sie hat nicht die Schultern gebeugt wie der Mann, den sie so stillschweigend verfolgt. Sie läuft aufrecht, kraftvoll, energiegeladen. Das Kinn nach vorne gereckt, die Wirbelsäule gerade, die Augen aufmerksam auf den Rücken des Mannes gerichtet.
Ich merke kaum, wie ich mir die Nase an der Scheibe platt drücke, wische nur unwillig das Kondensationswasser weg, das sich durch meinen Atem gebildet hat, bevor ich die Hände wieder ans kühle Glas lege, als ob ich so noch näher an die Szenerie heranrücken könnte.
Jetzt kann ich es erkennen, der Mann wirft ab und an, kaum merklich, kleine Blicke nach hinten. Nur eine minimale Drehung des Kopfes, die Augen bis in die Winkel verdreht, um eine Umsicht auf die zurückgelegte Strecke zu erhaschen. Er weiß es! Er weiß, wer ihn verfolgt. Als mir das bewusst wird, kann ich eine leise Stimme im Kopf vernehmen, sie kommt von der Schemen-Gestalt. Woher kommt sie, wieso kann ich sie hier hören? Keine Ahnung, ich höre sie einfach. Eindringlich murmelt sie Worte, die ihren Mann vorwärts treiben. "Du drückst dich immer vor allem, wenn du auf der Arbeit bist. Du lässt mich alleine mit den Kindern. Ich muss den ganzen Haushalt schmeißen, während du dich im Büro vergnügst." Mit jedem schneidenden Wort werden die Schritte des Mannes ausgreifender und ich begreife, dass er sich auf der Flucht befindet. Er ist nicht freiwillig dort draußen, er wurde gezwungen von den schneidenden Sätzen seiner Gattin, die ihn zu Hause mit Vorwürfen überhäuft. Weder Hobby, noch Vergnügen treiben ihn an, der Motor ist seine Beziehung, seine Familie, sein Glück. Die Brücke ist seine Freiheit, seine Route 66 in den Sonnenuntergang. Er hat nur die Wahl zwischen den Vorwürfen und den Weg über den Fluss. Er wählt das kleinere Übel, die windige, kalte und regenschwere Brücke über die Mosel, die sich unter ihm träge und gelassen durch ihr Bett windet.
Staundend und mit offenem Mund beobachte ich das Geschehen. Wieso ist mir das vorher nie aufgefallen? Wie konnten mir diese Umstände entgehen? Ich habe die Hände wieder an das Glas gedrückt, als könne ich den Abstand zwischen mir und dem ungleichen Paar verkleinern. Ich will alles mitbekommen, doch der Mann läuft unbeirrt weiter, verfolgt von seiner Geliebten, seiner besten Freundin und Vertrauten, mit der er die Harmonie des Lebens teilen sollte, mit der er Kinder, kleine Wir's, in die Welt gesetzt hat, voller Vertrauen, dass sie sich zurecht finden und wohl fühlen.
Die beiden sind schon fast aus meinem Blickfeld verschwunden, zielstrebig verringern sie die Distanz zum Ufer, und egal wie dicht ich meine Wange an die Scheibe presse, ich kann sie bald nicht mehr sehen. Ich muss loslassen und werde mit meinen Gedanken und dem Nudelwasser allein gelassen. Nachdenklich gebe ich die Spaghetti in den Topf, immer noch gefangen von der Beobachtung, die so viel mehr gezeigt hat als einen einsamen Jogger an einem Herbsttag.
Die Nudeln sind im Wasser versunken, 12 Minuten habe ich mir erkauft, in denen ich wieder aus dem Fenster sehen kann. Sofort eile ich zurück, aber natürlich ist das Pärchen längst aus meinem Sichtfeld verschwunden.
Ich wende mich schon fast wieder ab, um die Soße zu kochen, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnehme. Ein weiterer Mann. Er joggt nicht, er fährt auf einem dieser metallenen Tretroller. Aber seine Fahrt ist nicht schwungvoll, eher träge und resigniert. Ohne das geringste Anzeichen von Freude oder sonstigen Emotionen handelt er wie ein Roboter. Immer gleichmäßig stößt er sich mit dem Fuß ab, um sein Gefährt ein Stückchen nach vorne zu bringen. Die Hände liegen kraftlos auf dem Lenker, der Blick ist stur nach vorne gerichtet. Seine Umgebung scheint er gar nicht wahrzunehmen.
Gebannt schaue ich auf die Stelle hinter ihm und es dauert nicht lange, bis ich sie sehen kann. Mit schnellen Schritten eilt sie hinter ihm her, wirft die Arme immer wieder in die Luft, um ihre Argumente zu bekräftigen: "Wenn du nicht bald die fünf Kilo wieder abnimmst, dann finde ich dich einfach nicht ästhetisch genug, um mit dir zu schlafen. Der Bauch ist im Weg, früher war da noch ein Sixpack, wo ist das hin, das will ich wieder, also mach, dass du voran kommst!"
Gebannt starre ich auf die schattenhafte Gestalt, die ihren Mann vor sich her scheucht. Er schaut nicht zurück, er dreht den Kopf nicht, als wisse er genau, welcher Anblick ihn erwarten würde. Blind sein kann eine Erlösung sein, wenn man Angst hat vor dem, was man erkennen könnte.
Ich schüttle den Kopf, um zu überprüfen, ob ich in einem Tagtraum gefangen bin, doch ich kann beide genau sehen. Sie streben auf das andere Ende der Brücke zu, sie hätten dem anderen Pärchen eigentlich entgegenkommen müssen. Ob sie sich getroffen haben? Haben sich die Männer einen scheuen verzweifelten Blick zugeworfen, während sich die Schattenfrauen im Lauf HighFive gegeben haben?
Ich kann den Anblick kaum ertragen, bin fast froh, dass das Pärchen sich aus meinem Sichtfeld bewegt. Als ich sie nicht mehr sehen kann, fährt ein Fahrradfahrer über die Brücke. Er ist gehetzt, wirft den Blick nervös zu allen Seiten, tritt heftiger in die Pedale und beugt sich tief über den Lenker, um dem Wind zu entkommen. Nur dem Wind? Oder auch etwas anderem? Hinter ihm ist eine kleine Gestalt, flimmernd und im Dauerlauf. Sie motzt keckernd: "Fahr nur, fahr so schnell du kannst, mir entkommst du doch nicht. Komm nach Hause, ich warte auf dich und glaub mir, ich hab allen Grund sauer zu sein!"
Was diese geschundenen Männer wohl erwartet, wenn sie die andere Seite der Brücke erreichen? Werden sie ihre Ehefrauen abhängen können? Einen Moment des Friedens und der Ruhe finden, bevor sie sich der Begegnung wieder stellen müssen? Oder wird es eine ewige Flucht sein, bis sie erkennen, dass sie nicht weglaufen können, egal mit welchen Methoden sie es versuchen. Ob sie irgendwann begreifen, dass der Schatten nur ein Schemen ist, dass sie es selbst in der Hand haben?

Erschöpft, als wäre ich mit den Männern um ihr Glück gelaufen, drehe ich mich zum Herd um. Ich kann jetzt wirklich eine Mahlzeit gebrauchen, eine Stärkung und eine Ablenkung von diesen gruseligen Bildern. Von heute an werde ich mit anderen Augen auf die Brücke und ihre Passanten sehen.

Ich wünsche allen Flüchtlingen, dass sie ihr Asyl erreichen werden.
10.10.11 01:59
 
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